Germania. Schlaf. Traum. Schrei

Premiere am 19. Oktober 2018

Auch mehr als 20 Jahre nach seinem Tod polarisiert Heiner Müller. Seine Figuren aus der Antike, der Französischen Revolution, Preußen, der Frühzeit des Kommunismus, dem 1. und 2. Weltkrieg, der DDR und der Zeit nach 1989 zeigen Abstürze und Abgründe. Sie kämpfen sich ab an individuellen und kollektiven Traumatisierungen, immer unter der Prämisse: Wie können wir Subjekte unserer Geschichte und unseres Lebens werden? Wie können wir von Deutschland, von Europa aus die Zukunft denken? Sein Blick auf Geschichte und Gesellschaft hat nichts zu tun mit morbiden, reaktionären Kriegs- und Gewaltphantasien. Vielmehr geht ihm um die geschärfte Wahrnehmung der sozialen Macht- und Kräfteverhältnisse. Er stellt menschliche Körper und ihre Konflikte mit Ideen auf die Bühne, denn solange es Ideen gibt, gibt es Wunden und Ideen bringen den Körpern Wunden bei. Der Regisseur Peter Staatsmann zeigt in seiner Inszenierung von Müller-Texten eine neue Lesart, die sich auf den frühen Heiner Müller und seine Beschäftigung mit Sigmund Freund und der Psychoanalyse bezieht. Für Staatsmann hat Müller Ideologiekritik immer zur Psychoanalyse hin überschritten und mit seiner Ästhetik des Unbewussten eine universale gattungsgeschichtliche Literatur geschaffen. Müller ging es um die Partizipation des Zuschauers bei kreativen Prozessen. Das bedeutet nicht nur eine rationale Entschlüsselung von Thesen und Themen, sondern eine tiefer gehende Auseinan­dersetzung mit dem eigenen Leben, den Verdrängungen und Traumata. Wenn wir die Texte Heiner Müllers neu lesen, entdecken wir prophetische Analysen, die unsere gegenwärtige Situation zur Sprache bringen.
Heiner Müller (1929 – 1995) ist einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dramatiker und Schriftsteller nach 1945. Bekannt sind seine Theaterstücke wie z. B. „Der Lohndrücker”, „Quartett”, „Germania Tod in Berlin”, „Der Auftrag”, „die Hamletmaschine”, sowie seine zahlreichen Interviews und Gespräche, u. a. mit Alexander Kluge.

Heidi trifft Odysseus im Zug von Frankfurt nach Scesaplana

Premiere am 25. November 2018

Das Mädchen Heidi aus den Schweizer Bergen ist gegen ihren Willen in die Großstadt Frankfurt verschickt worden. Endlich darf sie wieder in ihren Heimatort zurück und trifft auf der Zugfahrt den griechischen Jungen Odysseus, der auch alleine unterwegs ist. Die beiden sind voller Lust auf Entdeckungen und sie stürzen sich mutig in die unterschiedlichsten Situationen. Unerwartet tauchen fremde Menschen und eigenartige Wesen auf. Sind es anfangs noch Menschen aller Herren Länder Europas, mischen sich allmählich überraschende Figuren aus fernen Regionen unter die Bahnfahrer. Was ist das für ein Zug, in den wir eingestiegen sind und wohin fährt er denn überhaupt? Doch es scheint keinen Grund zur Beunruhigung zu geben, sind die fantastischen Lebewesen doch allesamt wunderbare Musiker und Sänger, die ihre fremden und erstaunlichen Sitten und Erzählungen mit ihren Gesängen und Tänzen zu einem lebendigen Feuerwerk der unterschiedlichsten Kulturen werden lassen. Die jungen Reisenden werden zu eifrigen Schülern der Fremden und als sie denen ihre eigenen Lieder und Tänze zeigen, kommt es zu einem überrasch­enden Workshop der Kulturen: Opernarien treffen auf Jazzstandards, das deutsche Volkslied aus dem Schwarzwald auf Schweizer Jodelgesänge und irische Folksongs. Es ist eine (welt-)musikalische Reise zu den mythischen Geschichten, in denen sich die europäischen Ursprünge und Werte spiegeln.
Erst wenn Ängste und Aggressionen bearbeitbar werden, entsteht die Grundlage für eine umfassende Integration aller menschlichen Vermögen, nämlich Einsichten zu gewinnen, Zusammenhänge zu erkennen, sich ein Urteil zu bilden und sich in seinem Handeln danach zu richten. Und erst dann kann es auch zu kulturellen Transformationen kommen, die eine Gesellschaft von Toleranz und Empathie möglich machen.

Robinson im Cyberspace

Premiere im Januar 2019

Die Jugendlichen heute sind die erste Generation, die mit mobilem Internet und in sozialen Netzwerken aufwächst. Wenn sie von Facebook genervt sind, ziehen sie weiter in die nächste Community und errichten neue digitale Trutzburgen auf Feldern wie Tumblr, Instagram oder Snapchat. Was aber ändert sich im Zeitalter von Smartphone und Internet? Ist ein Nackt-Selfie als Liebesbotschaft eine gute Idee? Taugt ein Porno aus dem Netz als Ratgeber für das erste Mal?
Erst ist es ein Satz, plötzlich reden alle über dich. Du willst dem Ganzen ein Ende setzen, Aber du kannst nichts löschen. Das Internet vergisst nichts. Und die ständige Erreichbarkeit? Wie damit umgehen, auch online soziales Reputationsmanagement zu leisten und in der Freizeit das eigene Profil pflegen zu müssen? Die Probleme in der Pubertät sind im Prinzip die gleichen wie früher. Facebook ist wie Familie. Du kommst abends nach Hause, die Bude ist voll. Du erzählst wie dein Tag war, keiner hört zu. Die Trennung zwischen Offline- und Online-Welt schwindet. Soziale Netzwerke und Co. gehören zum Lebensalltag. Für viele wird das Online-Verhalten aber zur Prüfung in Sachen Selbstbeherrschung. Handyentzug ist fast das Schlimmste, selbst wenn es nur für einen Tag ist. Ein Tag aus dem alltäglichen Chaos zwischen Schule, Familie, Handy und Second Life.
Heiß diskutiert wird von den Erwachsenen, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen einem unkontrollierten Medienkonsum und Entwicklungsstörungen, bzw. ob soziale Netzwerke für Jugendliche öfter positive als negative Effekte haben. Wichtiger als Verbote ist es jedoch, Kindern den richtigen Umgang mit den Geräten beizubringen. Das Klassen­zimmer­stück kommt zu Ihnen in die Schule, dauert genau eine Schulstunde und es sollte eine zweite Stunde für ein Nachgespräch anberaumt werden.

Raub der Europa

Premiere am 22. März 2019

1967/1968: Jahre des Umbruchs. Wir schwanken zwischen Faszination und Hass für diese enorme Umbruchzeit, deren Renaissance wir einerseits herbeisehnen und deren endgültige Auslöschung in allen ihren Verästelungen von manchen gewünscht und als Heilmittel gegen die brisanten Fragen der Zeit beschworen wird. Eine neue Konfliktlinie taucht seitdem auf und verwirrt die hergebrachten Identitäten. Immer stärker bildet sich eine globalisierte Elite heraus: Sie sprechen Englisch, ziehen von Großstadt zu Großstadt, nehmen die Chancen wahr, die sich immer wieder neu bieten und bewegen sich von Kalifornien über die Tigerstaaten in Asien bis zu den europäischen Großstädten. Sie sind rundum globalisiert und sie verdienen richtig viel Geld. Auf der anderen Seite haben wir eine Landbevölkerung, deren regionale Eigenschaften als veraltet und heillos aus der Zeit gefallen gelten. Was passiert mit dieser ‚kleinen‘ Kultur auf dem Land? Verwandelt sich das Originäre in ein Abziehbild für den Kulturtouristen, der aus den Metropolen mal schnell das Originelle und Ursprüngliche besuchen will? Was aber, wenn die kleine, konkrete Welt wirklich wäre und die vermeintlich große leer und ohne Berührung? Ohne Geschmack, ohne Geruch und ohne Tradition, bevölkert von Nomaden. Vielleicht haben wir 1968 tatsächlich noch nicht richtig verdaut und womöglich sind in den vielen Keimen, die diese Zeit hervorgebracht hat, ungeborgene Schätze und Schlüssel, die zu unserer Befreiung aus der momentanen Zwickmühle einiges beisteuern könnten. Dies gälte es zu erforschen. Was ist geschehen, mit uns und diesen riesigen Potentialen an Protest und Reform und Befreiung? Bisher sind die Auswirkungen von ’68 im ländlichen Raum kaum untersucht: Gab es dort ein Resonanzfeld auf die Impulse aus den urbanen Zentren? Gab es dort andere Formen der Auseinandersetzung, nicht so konfrontativ wie in den Städten? Viele Rottweiler können dazu einiges erzählen. Dieses Recherche-Projekt wird die Stückentwicklung zu aktuellen Auswüchsen des Rechtspopulismus „Wenn der Kahn nach links kippt, setze ich mich nach rechts“ fortführen und soll in der nächsten Spielzeit mit einem dritten Teil abgeschlossen werden.

Schuss nach hinten

Backfire Blues For Max

Premiere am 04. Juli 2019

Max Duttenhofer gelang 1884 mit seiner Erfindung des rauchlosen Pulvers eine sensationelle Entwicklung auf dem Gebiet der Waffentechnik. Diese Erfindung aus dem Neckartal in Rottweil wurde ein internationaler Verkaufserfolg und machte Weltgeschichte. Eine historische Revue über ihn, seine Erfindung und seine Zeit spannt mit starken Theatersequenzen, Liedern und Choreographien den Bogen von der Lokalgeschichte Rottweils und der süddeutschen Region über die Automobilproduktion in Stuttgart und die nationale Politik bis hin zu globalen Entwicklungen. Duttenhofer war einer der drei Hauptaktionäre und Aufsichtsratsvorsitzender der Daimler-Motoren-Gesellschaft und besaß Fabriken in ganz Deutschland. Zeitgeschichte und Industriegeschichte werden lebendig in der Darstellung der Verhältnisse der Arbeiter im Umfeld der Pulverfabrik, des aristokratischen Lebensstils Max von Duttenhofers, auch der „Krupp von Süddeutschland“ genannt, und der Wirrungen deutscher Geschichte in der Mitte des 20. Jahrhunderts mit zwei Weltkriegen und ihren Auswirkungen. Zentrale Fragen interessieren uns von heute aus in einem vergnüglichen Durchgang durch eineinhalb Jahrhunderte Industrie- und Kulturgeschichte. In welche Konflikte bringen uns Technologie, Rüstungsindustrie und ein allzu euphorischer Fortschrittsglaube? Wieviel Bildung, Kultur und Kritik können wir ausblenden, ohne dass uns individuelle und gesellschaftliche Regressionen und Rückentwicklungen einholen? Wie können wir uns neu aufstellen in einem erneuerten Europa, das sich seiner Wurzeln eingedenk auf seine Werte und Orientierungen besinnt und sie auf historischer Folie deutlich herausarbeitet und tradierbar macht? Wir zoomen Elemente unserer Geschichte heran, aus denen heraus wir uns selbst besser sehen und verstehen können, setzen sie aber auch radikal in Verbindung mit unserer unmittelbaren Gegenwart. In vielen Situationen sehen wir Wiederholungen und Kopien, die uns wie Geister umschweben und uns bewegungslos machen, weil wir uns nicht mehr in die Lage bringen, Vergangenes so deutlich zu beleuchten, dass uns klar wird, wo der mögliche und wünschbare Weg in eine freiere und ethisch balanciertere Zukunft liegt.